24.01.2020
Jens Kreutzfeldt

Sonnenbrand im Winter: Weinbauforum in Tiengen startet mit Besucherrekord

Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt - was dann? Das Sonderkultur- und Weinbauforum findet an drei Terminen in drei Regionen statt wie hier in Appenweier (Foto: Bernhard Vogt für ZG Raiffeisen)

2020 hat der südbadische Ableger des Sonderkulturforums erstmals in Freiburg-Tiengen stattgefunden und sich dabei ganz auf das Thema Weinbau konzentriert. Die Besucherzahlen scheinen dem neuen Konzept Recht zu geben. Zusammen mit Appenweier im Dezember und St. Leon-Rot (am 30. Januar) ist das neue Dreigestirn von Sonderkulturmessen der ZG Raiffeisen nun komplett.

Über 200 Fachbesucher kamen am 9. Januar 2020 zum neuen Weinbauforum in die Tuniberghalle – Besucherrekord. In den vergangenen Jahren hatten, auch klima- und witterungsbedingt, vor allem Obstbauthemen im Vordergrund gestanden. Stetig abnehmende Besucherzahlen legten jedoch nahe, dass für die Landwirte in dieser Region offenbar eher der Weinbau im Fokus des Interesses steht, während in Appenweier weiterhin vor allem die Sonderkulturen dominieren.

„Wir haben daher eine Veränderung gesucht und dabei mit dem Umzug von Ebringen nach Tiengen auch gleich einen anderen Schwerpunkt ausprobiert“, sagt Produktionsmanagerin Katja Pfeifer von der ZG Raiffeisen, die die Veranstaltung mit einem Team organisiert. „Die Besucherzahlen scheinen uns Recht zu geben.“

2019 verlief für die Winzer mit überwiegend guten Qualitäten vergleichsweise positiv, von den unterdurchschnittlichen Erntemengen einmal abgesehen. Dennoch haben die Wetterextreme der letzten Jahre, von Starkregen über Tornados bis hin zu den Hitzewellen von 2018, ihre Spuren in der Branche hinterlassen. Das sind abgesehen von den materiellen Schäden vor allem Unsicherheit und ein Gefühl der Hilflosigkeit. Das Bewusstsein für das Problem ist da, aber was kann man konkret tun?

Einen Nerv traf daher vor allem der Vortrag Matthias Petgen vom DLR Rheinland-Pfalz in Neustadt über „Anpassungsstrategien gegenüber heißen Sommern im Weinbau“, der manche überraschende Erkenntnis für die Anwesenden bereithielt. Nach dem Motto „Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt“, testet Petgen in seinen Versuchen in Neustadt ganz praktische Wege, die Reben vor zu viel Hitze und tatsächlich auch vor möglichem Sonnenbrand zu schützen – eine bisher im deutschen Weinbau eher unbekannte Bedrohung. Petgen unterschied zwischen Hitzeschäden, Sonnenbrandschäden und Ozonschäden und erläuterte deren jeweilige Folgen für die Trauben.

Tatsächlich gibt es nach seiner Darstellung durchaus beinflussbare Größen, mit denen Winzer sich auf Trockenstress zumindest besser vorbereiten können. Das beginnt bereits mit der Ausrichtung der Rebzeilen, Bewässerungseffizienz, frühzeitiger Entblätterung, eine angepasste Bodenbearbeitung sowie Dicke und Abstand der Laubwände zueinander. Bisher waren die Winzer vor allem darauf bedacht, den Abstand zwischen den Rebzeilen möglichst groß zu halten, damit ihre Trauben sich nicht gegenseitig beschatten. Nicht nur in diesem Punkt sind nunmehr ein Umdenken und Flexibilität gefordert.

Neben dem allgegenwärtigen Klimadebatte stand das Weinbaujahr 2019 vor allem im Zeichen von einem Thema: Recht und gesetzliche Bestimmungen. „Ich kann mich an kein Jahr erinnern, in dem man sich als Winzer so intensiv mit rechtlichen Themen befassen musste“, meint Katja Pfeifer rückblickend. Ob Düngemittel oder Volksbegehren, überall scheinen neue rechtliche Vorgaben und Vorschriften allgegenwärtig, die kaum noch jemand überblickt. „Vielleicht haben wir früher einfach zu wenig darüber gesprochen. Es ist jedenfalls gut, dass uns bewusst geworden ist, wie wichtig diese Dinge sind.“

Und so stellte Hansjörg Stücklin vom Landratsamt Breisau-Hochschwarzwald in seinem Vortrag ganz praktische Dinge in den Vordergrund: Auf was muss ich als Winzer eigentlich gefasst sein, wenn das Amt tatsächlich vor meiner Tür steht? Die Landratsämter haben im letzten Jahr bereits verstärkte Fachrechtskontrollen angekündigt. Hier sollten Winzer vor allem bei der Dokumentation vorbereitet sein. Beanstandungen gab es in der Vergangenheit öfters mit den Nachweisen für den Pflanzenschutzgeräte-TÜV sowie mit der korrekten Entsorgung von ausgedienten Pflanzenschutzverpackungen.

Womit sich bereits der dritte dominierende Themenkomplex beim Weinbauforum offenbarte, das gesellschaftlich höchst umstrittene Thema Pflanzenschutzmittel. Gottfried Bleyer vom WBI Freiburg erläuterte das neue Laubwandflächenmodell, mit dem Winzer ab 2021 die Aufwandmengen für ihre Reben berechnen sollen. Im Vergleich zur aktuellen Regelung ist das neue Modell komplexer, berücksichtigt aber die tatsächlich behandelte Fläche in Kubikmetern und bietet damit auch mehr Anpassungsmöglichkeiten für den Winzer.

Neue Perspektiven beim Pflanzenschutz eröffnen außerdem Pflanzenstärkungsmittel, sogenannte „Bio-Rationals“, als Alternativen zu herkömmlichen Wirkstoffen, über die Katja Pfeifer berichtete, sowie PiWi-fähige Rebsorten, die weniger Pflanzenschutz als reguläre Sorten benötigen, die Marion Boos vorstellte. Insbesondere bei letzteren hat die Forschung in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt, sodass inzwischen beachtliche Einsparungspotenziale erreicht werden und zugleich kaum noch Abstriche beim Geschmack hingenommen werden müssen.

Ähnliche Themen erwarten auch die nordbadischen Winzer beim dritten Forum, dass am 30. Januar in St. Leon-Rot stattfindet. Einzelheiten entnehmen Sie bitte unserem Veranstaltungsprogramm.   

 

zurück