Forschung zu Genossenschaftswesen und Ernährungssicherheit

Wortgewaltiger Hauptredner: Franz Fischler, ehemaliger EU-Agrarkommissar (Foto: Jens Mönnich)

Genug für alle, zu wenig für jeden

Am 16. Oktober 2012 kamen Genossenschaftler und Experten aus aller Welt zum World Food Day Colloquium an der Universität Hohenheim, um über die Rolle und Perspektiven der Genossenschaften bei der globalen Ernährungssicherung zu diskutieren. Das Datum war nicht zufällig gewählt, markiert es doch das Gründungsdatum der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vor 67 Jahren. Einig waren sich Praktiker und Theoretiker, dass organisierte Selbsthilfe der Weg der Zukunft bleibt.

„We have enough food for all, but not all have enough food“, so brachte Dr. Detlef Virchow, der Geschäftsführer des Food Security Center der Universität Hohenheim, das grausame Dilemma im Kampf um die Ernährungssicherung weltweit auf den Punkt: Lebensmittel gibt es genug, doch Millionen Menschen vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern haben keinen oder nur benachteiligten Zugang zu Ressourcen und Märkten. Dieser Zustand sei jedoch nicht so sehr eine Folge von zu geringer Produktion, sondern vielmehr von globalen politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnissen. Umso wichtiger sei und bleibe daher die Rolle von organisierter Selbsthilfe, so Dr. Virchow.

Im Geiste von Raiffeisen 

Dementsprechend ging die Tagung ganz im Geiste von Friedrich Wilhelm Raiffeisens Ur-Genossenschaft „Brodtverein“ der Frage nach, welche Rolle Genossenschaften bei der weltweiten Ernährungssicherung spielen und wie sie ihr Potenzial in Zukunft nutzen können. Neben geladenen Experten aus Theorie und Praxis von Genossenschaftswesen und Entwicklungszusammenarbeit kamen viele internationale Studenten und Stipendiaten der Universität Hohenheim und angeschlossener Institute. Viele von ihnen stammen aus besonders betroffenen Gebieten in Afrika, Asien und Lateinamerika. Veranstalter waren das Food Security Center sowie die Forschungsstelle für Genossenschaftswesen der Universität Hohenheim. Ermöglicht wurde die Tagung durch die Unterstützung des baden-württembergischen Genossenschaftsverbandes BWGV sowie der regionalen Raiffeisen-Hauptgenossenschaften BayWa AG München und ZG Raiffeisen eG Karlsruhe.

Wortgewaltiger Hauptredner: Franz Fischler

Als ebenso prominenten wie wortgewaltigen Hauptredner des Tages hatten die Veranstalter Franz Fischler gewinnen können, ehemals EU-Kommissar für Landwirtschaft, ländliche Entwicklung und Fischerei. Seine erschütternde Bilanz: Weltweit hungern heute noch immer rund 900 Millionen Menschen, obwohl die weltweite Zahl der Hungernden seit 1990 von 23 auf 14 Prozent gesenkt werden konnte. Doch sei dieses Wachstum sehr ungleich verteilt, von dem einzelne Schwellenländer wie Brasilien ganz überdurchschnittlich profitierten und manche Entwicklungsländer kaum. Dabei verhielten sich Hunger und Armut „wie Zwillinge“, wie Fischler sich ausdrückte.

Für diese Entwicklung identifizierte Fischler in seiner Analyse ein ganzes Bündel von Ursachen. Die Liste ist lang: Klimawandel, Wasserknappheit und fehlenden Zugang zu Betriebsmitteln, Bevölkerungswachstum, die Zerstörung von oder Spekulation mit weltweiten Anbauflächen, Korruption in Empfängerländern, Versagen der Politik wie etwa in der Doha-Runde, mangelnde Erfolge bei der Landregistrierung, die das sogenannte „land grabbing“ begünstigten, der Verbrauch von Biomasse für Nicht-Ernährungszwecke sowie „new forms of finanzialisation of food markets.“ Fischler ging auch den Ursachen für die zunehmende Preisvolatilität der weltweiten Rohstoff- und Lebensmittelmärkte und dem Problem der Spekulation nach. Er erinnerte daran, dass die regulären Futures auf den Warenterminmärkten nicht nur seit Jahrhunderten eine vollkommen natürliche Sache, sondern vielmehr unverzichtbar seien zur Stabilisierung und Preisabsicherung von Märkten. Die Probleme hätten erst dann begonnen, als „a new Finance Industry found new derivates, which influence price development on the markets negatively.“

Genossenschaften sind die Antwort der potenziellen Verlierer der Globalisierung

Fischler berief sich auf Angaben der Vereinten Nationen, wonach Genossenschaften heute das Überleben von über drei Milliarden Menschen weltweit sichern. Besonders wichtig sei, den weltweit mehr als 500 Millionen Subsistenzbauern zu helfen, die derzeit aus eigener Kraft kaum eine Chance hätten, mit ihren Produkten Zugang zum Markt zu erlangen und sich so eine Existenzgrundlage zu sichern. Fischler charakterisierte die Rolle der Genossenschaften im heutigen Kampf um die Ernährung der Menschheit, indem er an die Situation zu Zeiten Friedrich Wilhelm Raiffeisens erinnerte: „Then, cooperatives were the answer to the potential loosers of industrialisation. Today, cooperatives are the answer to the potential loosers of globalisation.“

In zwei Panelrunden am Nachmittag diskutierten Experten über aktuelle Entwicklungen und Trends im Genossenschaftswesen. Anschließend berichteten Genossenschaftler aus Niger, Indien, Äthopien, China und Brasilien über Projekte und ihre Erfahrungen mit extremer Trockenheit, den gewaltigen organistorischen Herausforderungen, einen ganzen Subkontinent mit Milchprodukten zu versorgen, oder den Bemühungen um eine angemessene staatliche Regulierung jener Märkte, die für Genossenschaften geöffnet werden sollen. Schlüsselthemen bei den diskutierten Lösungsansätzen waren funktionierende Auditsysteme, die aktive Bekämpfung von Wasserknappheit und Klimawandel sowie wirksame internationale Regime für jene Bereiche, in denen die Global Player am Markt keiner Disziplin unterworfen seien.

Wirtschaftlicher oder sozialer Ansatz?

Klar wurde in der Diskussion, dass es Patentrezepte für Genossenschaften auch weiterhin nicht geben werde, oder, wie Hauptredner Fischler es formulierte: Hunger ist nie derselbe. Unbestritten war auch, dass sich Genossenschaften trotz vieler Erfolgsgeschichten in der Vergangenheit nicht selten selbst im Wege standen und auch scheitern können. So erinnerte Paul Armbruster, Leiter der Abteilung Internationale Beziehungen beim Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband, an den Umstand, dass Genossenschaften nun einmal vom Wesen her wirtschaftliche Organisationen mit wirtschaftlichen Zielen seien. Sie folgten dabei zwar einer besonderen Philosophie und erzeugten – höchst willkommene – positive soziale Nebenwirkungen. Doch müssten sie sich auch wie wirtschaftliche und nicht wie karikative Organisationen verhalten, wenn sie am Markt bestehen wollten. Einigkeit herrschte in der Diskussion darüber, dass Genossenschaften immer dann besonders gefährdet seien, wenn ihnen soziale oder karitative Ansprüche und Aufgaben auferlegt würden, denen sie nicht gewachsen seien. Abgesehen von überambitionierten Projekten kämen solche Bevormundungen in Entwicklungsländern häufig – aber nicht nur – von staatlicher Seite.

Das wichtigste genossenschaftliche Exportgut ist Selbstbewusstsein

Einigkeit herrschte in den diversen Diskussionsrunden darüber, dass sich die Zustände in Problemregionen nicht von außen verändern lassen, sondern nur von innen heraus, unter aktiver Mitwirkung der betroffenen Menschen. Dafür seien die Genossenschaften nach wie vor prädestiniert. Positiv beeinflussen könne man die Rahmenbedingungen von außern lediglich durch Transfer von Wissen, Bildung, Innovation, Technik und – ein Gut, an das häufig nicht gedacht werde, so Franz Fischler – von Selbstbewusstsein.

Anlass zur Hoffnung auf weiteren Innovationstransfer gaben die Geno Wissenschaftspreise 2012, die BWGV-Verbandsdirektor Gerhard Schorr nach dem Hauptvortrag an drei Nachwuchstalente der Genossenschaftsforschung an der Universität Hohenheim verlieh. Melanie Paffe wurde für ihre Masterarbeit „Analyse von Instrumenten der Kundenbindung am Beispiel der Viehzentrale Südwest GmbH“ ausgezeichnet. Ebenfalls für seine Masterarbeit hat Patrick Staub den Preis erhalten. Er schrieb zum Thema „Analyse des Selbst- und Fremdbildes von Raiffeisen-Märkten - Eine Untersuchung im Verbandsgebiet des BWGV“. Richard Volz ist der Preis für seine Dissertation „Genossenschaften im Bereich erneuerbarer Energien - Status quo und Entwicklungsmöglichkeiten eines neuen Betätigungsfeldes“ verliehen worden. Alle drei werden gemeinsam mit ihren Kollegen aus aller Welt auch weiterhin nach Wegen für die Genossenschaften der Zukunft suchen.

Impressionen vom World Food Day 2012
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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