05.12.2019
Jens Kreutzfeldt

„Leuchttürme in stürmischen Zeiten“: Landwirtschaftspreis für unternehmerische Innovation verliehen

Die Preisträger, Laudatoren und Träger des 23. Landwirtschaftspreis für unternehmerische Innovation LUI (Foto: Jens Kreutzfeldt/ZG Raiffeisen)

Am 2. Dezember 2019 wurden in Achern zum 23. Mal pfiffige Erfindungen und Geschäftsmodelle aus der landwirtschaftlichen Praxis mit dem Landwirtschaftspreis für unternehmerische Innovation (LUI) ausgezeichnet. Abgesehen vom praktischen Nutzen der Siegerprojekte erschien an diesem Abend das Thema Innovation auch als eine Brücke im Dialog einer vielgescholtenen Landwirtschaft mit der Gesellschaft.

Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) überreichte die Auszeichnungen persönlich und sprach Bewerbern und Siegern seine Anerkennung dafür aus, dass sie die Leidenschaft, die Energie und den Mut besessen hätten, ihre Ideen zu realisieren. In seiner Festrede kritisierte Hauk, dass die Landwirtschaft einseitig für Probleme wie Klimawandel und das Insektensterben verantwortlich gemacht werde, obwohl sie höchstens ein Teil des Problems sei. Doch die gesellschaftliche  Kritik und die daraufhin geforderten politische Maßnahmen gingen wie im jüngst gescheiterten Volksbegehren fast ausschließlich zulasten der Bauern.

Wenn die Gesellschaft diese Probleme wirklich lösen wolle, müsse es ihr das auch Wert sein, meinte Hauk – in den öffentlichen Haushalten wie auch an der Supermarktkasse. Vor allem aber müsse sie offen sein für Anderes und Neues. Denn ohne neue Verfahren und innovative Technologien würden die Herausforderungen der Zukunft nicht zu bewältigen sein.

Die Landwirtschaft im Fadenkreuz

Insgesamt war in der Diskussion an diesem Abend ein Stück weit die Ratlosigkeit der Anwesenden spürbar über den beispiellosen „Sturm“ von Schmähkritik, der seit einiger Zeit über die Landwirtschaft hereinbreche. Inzwischen sei es an der Tagesordnung, dass Landwirte als „Klimakiller, Grundwasserverschmutzer und Umweltvergifter“ beschimpft würden.

„Meine persönliche Antwort ist: Die Gesellschaft spürt, dass sie so auf Dauer nicht mehr leben kann, dass dieser Lebensstil, dieser Lebenswandel auf Dauer nicht gutgeht“, sagte Dr. Ewald Glaser, Vorstandsvorsitzender der ZG Raiffeisen. Die badische Hauptgenossenschaft hatte den LUI 1996 gemeinsam mit der Landjugend aus der Taufe gehoben und stiftet den Preis bis heute gemeinsam mit dem Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband (BWGV).„Es handelt sich also ein Stück weit um ein schlechtes Gewissen, und dieses schlechte Gewissen wird mit voller Wucht auf die Landwirtschaft projiziert.“

Die Frage des Abends lautete dementsprechend: Inwieweit kann Innovation zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz für die Landwirtschaft beitragen? Hier wurden vor allem digitale Technologien wie satellitengesteuerte Verfahren genannt, die nicht mehr Flächen behandelten, sondern einzelne Pflanzen, und damit drastische Reduzierungen etwa beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ermöglichten.

In stürmischen Zeiten sind Innovationen gefragt

Allerdings müsse die Landwirtschaft auch lernen, aktiver in den Dialog mit der Gesellschaft zu treten, wenn diese ihre Anstrengungen auch wahrnehmen solle. Es reiche nicht aus, immer nur zu reagieren. "Es gibt unendliche viele tolle Ideen in der Landwirtschaft, sie sind bloß in der Öffentlichkeit kaum bekannt“, meinte Franz Benz, Vizepräsident des Badischen Weinbauverbandes, der 1996 zu den Mitbegründern des LUI gehörte. „Der LUI ist für mich ein Paradebeispiel, wie man in den Dialog treten und zeigen kann, was eigentlich passiert.“

„Ja, die Zeiten sind stürmisch, aber das sind genau die Zeiten für Innovationen“, sagte Dr. Roman Glaser, Präsident des zweiten Sponsors BWGV. Die Preisträger und ihre innovative Kraft nannte Dr. Glaser „Leuchttürme“. „Wenn wir diesen Erfindergeist weitertragen, dann ist es mir, bei allen Stürmen, die die Landwirtschaft erlebt, nicht bange. Vielleicht müssen wir eines aber lernen, alle gesellschaftlichen Gruppen: Wir sitzen in einem Boot. Das Zeigen mit dem Finger auf die Anderen wird uns nicht weiterbringen. Ein Preis wie der LUI trägt zu dieser gesellschaftlichen Diskussion bei."

Die Sieger und ihre Projekte

Nominiert waren fünf Projekte aus ganz Baden-Württemberg, die aus über 20 Bewerbungen ausgewählt und bei einer Juryfahrt im September begutachtet wurden. Einzelheiten entnehmen Sie bitte der Pressemitteilung der Landjugend, aus der wir hier auszugsweise referieren.

Mit dem ersten Preis in der Kategorie Landwirtschaft wurden Thomas Mayer und Peter Brandmeier aus Kandern ausgezeichnet. Ihre mobile Schlachteinheit MSE-200A bringt den Schlachthof in der Größe eines PKW-Anhängers zum Tier, damit dieses seine letzten Stunden ganz entspannt in der vertrauten Umgebung verbringen kann. Da auf das Tier keinerlei Druck ausgeübt wird, sondern es beim Fressen stressfrei und automatisch für den Bolzenschuss fixiert wird, darf das Fleisch das Label „Schlachtung mit Achtung“ tragen.

Stefan Reichenbach aus Freiburg wurde bereits vor fünf Jahren von der L.U.I-Jury ausgezeichnet. Der Maschinenbauingenieur und Landwirt hatte damals einen leichten mechanischen Fällkeil entwickelt. Jetzt hat seine Firma Forstreich einen fernbedienbaren Fällkeil auf den Markt gebracht, mit dem ein Baum aus sicherer Entfernung zu Fall gebracht werden kann.

Andrea Göhring, die mit ihrer tiergestützten Therapie, den dritten Platz erreicht hat, bezeichnet sich selbst als Herzblutbäuerin und Pionierin. Auf ihrem ökologischen Ackerbaubetrieb arbeitet sie nicht nur mit Kindern mit geistigen, emotionalen und sprachlichen Seh- oder Schwerstmehrfachbehinderung, sondern seit zwei Jahren auch mit Älteren und Menschen mit Demenz. Sie möchte andere Landwirte und Landwirtinnen dazu ermutigen, den Reichtum Bauernhoftiere zu entdecken und Kindern mit besonderen Bedürnissen besondere Erlebnisse zu ermöglichen.

zurück